die Hoffnung

Vertiefung

Was eine gemeinsame Basis leistet — und was nicht

Wenn Kirchen aus verschiedenen Traditionen zusammenarbeiten wollen, schreiben sie auf, was alle unterschreiben können. Das ist keine Schwäche. Das ist die Bauweise.

Aber es hat eine Folge, die selten jemand ausspricht. Diese Seite zeigt sie an Dokumenten, die du selbst nachlesen kannst.

Noch ist Nacht. Der Morgenstern leuchtet schon — bis der Tag anbricht. Offenbarung 22,16; 2. Petrus 1,19 Noch ist es nicht Tag. Aber das Licht ist schon da. Maleachi 3,20 Einmal wird die Sonne nicht mehr das Licht sein, das gebraucht wird. Jesaja 60,19 Bleibe bei uns, denn es will Abend werden. Lukas 24,29

Wie so ein Text entsteht

Man sammelt, worin man übereinstimmt. Was strittig ist, bleibt weg — nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil sonst niemand unterschreibt.

Die Schweizerische Evangelische Allianz sagt das über ihre eigene Glaubensbasis ganz offen: Sie habe nicht den Charakter eines kirchlichen Bekenntnisses, sondern sei eine Kooperationsgrundlage für Mitglieder aus unterschiedlichen Traditionen.

each.ch, Unsere Grundlagendokumente

Die Kapstadt-Verpflichtung von 2010 benennt dasselbe Prinzip noch genauer. Im Vorwort unterscheidet sie zwischen dem, was zum Kern gehört und wo Einheit nötig ist, und zweitrangigen Fragen, in denen aufrichtige Christen anders auslegen. Sie nennt das «Breite innerhalb von Grenzen».

Kapstadt-Verpflichtung, Vorwort

Beide Dokumente sagen selbst, wie sie gebaut sind. Man muss es ihnen nicht nachweisen.

Die Folge

Was nicht in die Basis passt, ist damit nicht verboten. Es gehört nur nicht mehr zum Gemeinsamen.

Und weil das Gemeinsame ist, was gemeinsam gesagt wird — in Predigten, an Konferenzen, in geteilten Projekten — verschwindet es aus dem, was man hört. Nicht durch einen Beschluss. Durch die Bauweise.

Deshalb kann jemand dreissig Jahre lang treu in einer Gemeinde sitzen und einer Frage nie begegnen, über die die Bibel viele Kapitel füllt. Das ist niemandes Absicht. Es ist eine Nebenwirkung.

Der Fall, nachprüfbar

Die Frage aus Schritt 3 war: Sind Israel und die Gemeinde zwei Empfänger von Gottes Zusagen oder einer? Schauen wir, was die Dokumente dazu sagen.

Die Glaubensbasis der SEA

Acht Punkte, beschlossen 2020. Zur Zukunft sagt nur der letzte etwas: Christus komme sichtbar wieder, richte Lebende und Tote, vollende das Reich Gottes und schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Israel kommt im ganzen Dokument nicht vor. Die Bünde ebenso wenig. Dasselbe gilt für die Glaubensbasis der weltweiten Allianz, die auf die Gründungsartikel von 1846 zurückgeht.

each.ch, Punkt 8; worldea.org, Statement of Faith

Die Kapstadt-Verpflichtung

Hier wird nicht geschwiegen. Sie sagt, Jesus sei gesandt worden, um die Mission des alttestamentlichen Israel zu erfüllen (4a). Das Volk Gottes umfasse Menschen aus allen Zeitaltern und Völkern (9). Die Gemeinde stehe in Kontinuität mit Gottes Volk im Alten Testament (10a). Bei der Wiederkunft richte Christus sein ewiges Reich auf (10).

Das ist eine Antwort: ein Volk, nicht zwei. Sie steht da, sie ist begründet, und man kann ihr widersprechen — aber man muss sie erst zur Kenntnis nehmen.

Und was dagegen spricht, sie zu verurteilen

Dieselbe Erklärung hält im zweiten Teil fest, die ganze Kirche solle jüdischen Menschen die gute Nachricht von Jesus als Messias bringen, und ruft Christen aus den Völkern auf, messianisch-jüdische Gläubige anzunehmen und für sie zu beten.

Kapstadt-Verpflichtung, Teil II B.1

Das ist nicht die Haltung einer Bewegung, die Israel für erledigt hält. Wer hier von Ersatztheologie spricht, muss an diesem Absatz vorbei.

Ebenso wenig hält die Prüfung, was oft über die Heilslehre behauptet wird: Die SEA-Basis sagt, Christus sei stellvertretend für alle Menschen gestorben, und Kapstadt spricht von der Versöhnung der ganzen Schöpfung durch das Kreuz.

Zwei Fehler, ein Muster

Es gibt zwei Arten, einer strittigen Frage auszuweichen. Die deutsche Kirchengeschichte hat für beide ein Datum.

1909

In der Berliner Erklärung schrieben rund sechzig Vertreter aus Landes- und Freikirchen über die junge Pfingstbewegung, sie sei «nicht von oben, sondern von unten». Nicht einzelne Praktiken, nicht einzelne Lehren — die Bewegung als Ganzes, als vom Satan ausgehend.

Die Folge waren neunzig Jahre Graben. Ausdrücklich zurückgenommen wurde der Satz nie.

1996

In der Kasseler Erklärung vereinbarten die Deutsche Evangelische Allianz und der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden, bei gemeinsamen Veranstaltungen sollten umstrittene Inhalte «keinen Raum finden».

Damit war der Graben überbrückt. Geprüft war nichts.

Der eine Weg verurteilt, ohne zu unterscheiden. Der andere verträgt sich, ohne zu klären.

Beides ist dieselbe Ausweichbewegung vor derselben Arbeit: hinschauen, prüfen, und dann sagen, was man gefunden hat und warum.

Drei Fragen, die immer gehen

An eine Glaubensbasis, an ein Bekenntnis, an ein Leitbild — an jeden Text dieser Art:

  1. Was steht da?

    Wörtlich, nicht dem Sinn nach. Die meisten Streitigkeiten über solche Texte werden von Leuten geführt, die sie nicht gelesen haben.
  2. Was steht nicht da?

    Das ist die schwierigere Frage, weil Fehlendes nicht auffällt. Nimm ein Thema, das dir wichtig ist, und such es.
  3. Ist das Fehlen eine Lücke oder eine Entscheidung?

    Meist steht die Antwort im Text selbst — in der Einleitung, im Vorwort, in dem Absatz, den niemand liest.

Und jetzt dieselbe Prüfung hier

Diese Seite lässt auch etwas weg. Sie sagt fast nichts über das Leben in einer Gemeinde, wenig über Taufe und Abendmahl, wenig über die Fragen, an denen sich der Alltag entscheidet.

Das ist ebenfalls eine Entscheidung, keine Lücke. Sie behandelt eine Frage gründlich statt vieler oberflächlich. Aber wer sie zum Mass nimmt, bekommt ein Teilbild — genau wie bei jeder Basis, die für die Zusammenarbeit gebaut wurde.

Prüf diese Seite mit denselben drei Fragen. Wenn sie standhält, ist das mehr wert, als wenn du ihr glaubst.

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