die Hoffnung

Schritt 3

Warum Christen verschieden lesen

Zwei Menschen lesen dieselbe Bibel und kommen zu verschiedenen Ergebnissen. Nicht, weil einer sie ernster nimmt.

Sondern weil jeder eine Leseordnung mitbringt. Die meisten wissen nicht, dass sie eine haben. Wer sagt, er nehme den Text einfach so, wie er dasteht, hat auch eine — er merkt sie nur nicht, weil sie ihm selbstverständlich geworden ist.

Man erkennt seine eigene daran, welche Stellen man automatisch überliest.

Noch ist Nacht. Der Morgenstern leuchtet schon — bis der Tag anbricht. Offenbarung 22,16; 2. Petrus 1,19 Noch ist es nicht Tag. Aber das Licht ist schon da. Maleachi 3,20 Einmal wird die Sonne nicht mehr das Licht sein, das gebraucht wird. Jesaja 60,19 Bleibe bei uns, denn es will Abend werden. Lukas 24,29

Die Frage, an der sich alles entscheidet

Sind Israel und die Gemeinde zwei verschiedene Empfänger von Gottes Zusagen — oder ist die Gemeinde an Israels Stelle getreten?

Wer sagt, sie sei eingetreten, muss die Zusagen an Israel übertragen. Anders lassen sie sich nicht unterbringen: Ein Landstrich, eine Dynastie und ein Thron in Jerusalem werden dann zu Bildern für etwas Geistliches.

Wer sagt, es seien zwei, muss damit leben, dass ein Teil dieser Zusagen bis heute offen ist. Über Jahrtausende hinweg, ohne dass sich sagen liesse, wann.

Das ist keine Frage der Frömmigkeit. Es ist eine Frage der Zuordnung.

Was jede Antwort kostet

Beide Wege haben eine Stelle, an der es unbequem wird. Wer nur die Schwierigkeit der anderen Seite kennt, hat die eigene noch nicht gefunden.

Wer die Zusagen überträgt

muss erklären, warum bei der ersten Ankunft alles buchstäblich eintraf — Geburtsort, Herkunft, Todesart — und warum ausgerechnet bei der zweiten die Regeln wechseln sollen.

Und er muss an Paulus vorbei, der ausdrücklich schreibt, die Verstockung Israels sei nur teilweise und befristet, denn Gott nehme seine Berufung nicht zurück.

Römer 11,25–29

Wer sie getrennt hält

muss erklären, warum das Neue Testament selbst mehrfach Aussagen, die im Alten Testament Israel galten, auf die Gemeinde anwendet — und warum Paulus schreiben kann, wer zu Christus gehöre, sei Abrahams Nachkomme.

Galater 3,29; Römer 9,25–26

Und er muss aushalten, dass eine Zusage, die vor dreitausend Jahren gegeben wurde, bis heute nicht eingelöst ist.

Wer beide Rechnungen kennt, kann sich entscheiden. Wer nur eine kennt, hat sich schon entschieden, ohne es zu merken.

Wie es dazu kam

Drei Zeitpunkte genügen, um die Lage zu verstehen.

  1. Die ersten Jahrhunderte

    Die frühe Kirche erwartete ein wirkliches Reich Christi auf dieser Erde. Justin der Märtyrer und Irenäus schreiben davon wie von etwas Selbstverständlichem — so selbstverständlich, dass es niemand für nötig hielt, es in ein Bekenntnis aufzunehmen.
  2. Das vierte und fünfte Jahrhundert

    Augustinus setzte sich mit der bildlichen Deutung durch. In «Vom Gottesstaat» versteht er das tausendjährige Reich als die Zeit der Kirche, die bereits läuft. Er wandte sich damit gegen Vorstellungen, die er für zu grobsinnlich hielt — und legte zugleich den Grund dafür, dass Israel keine eigene Zukunft mehr zugedacht wurde.
  3. Die Reformation

    Luther und Calvin gingen bei der Frage, wie ein Mensch vor Gott bestehen kann, zurück zur Schrift. Bei der Frage nach der Zukunft taten sie es nicht. Die Endzeitlehre übernahmen sie weitgehend unverändert.

Danach wurde es wieder beweglicher. Ab dem 17. Jahrhundert kamen Theologen beim Lesen der Propheten von sich aus zu dem Schluss, dass Gott mit Israel noch etwas vorhat. Der Leipziger Alttestamentler Franz Delitzsch, Lutheraner und Übersetzer des Neuen Testaments ins Hebräische, erwartete die Wiederherstellung Israels und ein wirkliches Reich auf Erden.

Die Erwartung eines irdischen Reiches ist damit älter als beide Systeme, die man heute dafür verantwortlich macht. Sie war vor ihnen da.

Wo diese Seite steht

Auf dieser Seite findest du die erste Antwort: Israel und die Gemeinde sind zwei. Was Gott Israel zugesagt hat, gilt Israel, und ein Teil davon steht noch aus.

Das ist eine Entscheidung, keine Selbstverständlichkeit. Ernsthafte Christen entscheiden anders, und sie tun es mit Gründen, nicht aus Nachlässigkeit. Wenn du hier nur Argumente für eine Seite findest, liest du zu wenig.

Woran du es prüfen kannst

Nimm eine einzelne Zusage — etwa den Thron Davids — und verfolg sie durch beide Testamente. Frag bei jeder Stelle: Steht hier ein Bild oder eine Sache? Und wer entscheidet das, der Text oder ich?

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